Optimismus-Bias und Präsenz_Anna-Momber

Optimismus-Bias und Präsenz

vom 10. März 2026

Warum wir zu optimistisch planen — und wie wir trotzdem überzeugend bleiben

Ich hab’s wieder getan.

Ich habe unterschätzt, wie lange das dauern würde.

Nicht weil ich unvorbereitet war. Nicht weil ich den Aufwand nicht kannte. Sondern weil mein Gehirn die einzelnen Schritte einer Aufgabe in Sekunden durchdenken kann — und dabei schlicht vergisst, dass Ausführen eine andere Zeitdimension ist als Vorstellen.

Ich plane, während ich optimiere. Ich optimiere, während ich plane. Und irgendwo zwischen dem perfekten Ablauf in meinem Kopf und der Realität meines Kalenders liegt eine Lücke, in die regelmäßig meine Deadlines fallen.

Falls dir das bekannt vorkommt: Willkommen im Club der optimistischen Gehirne. Der ist größer als du denkst.


Warum dein Gehirn strukturell zu optimistisch ist

Die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot hat das, was ich gerade beschrieben habe, auf die neurologische Ebene gebracht. Sie nennt es den Optimismus-Bias — die tief verankerte Tendenz unseres Gehirns, zukünftige positive Ereignisse zu überschätzen und negative zu unterschätzen. Dieser Bias ist keine Schwäche, kein Denkfehler, den man mit ein bisschen Disziplin abstellen könnte. Er ist neuronal eingebaut. Die meisten Menschen zeigen ihn — unabhängig von Kultur, Alter oder Bildung.

Der Psychologe Daniel Kahneman hat diesen Effekt in einem spezifischen Kontext präzisiert und den Begriff Planning Fallacy geprägt: die systematische Tendenz, den Zeit- und Aufwandsaufwand für eigene Aufgaben zu unterschätzen — selbst dann, wenn man aus Erfahrung weiß, dass ähnliche Aufgaben immer länger gedauert haben. Das Paradoxe daran: Menschen können gleichzeitig wissen, dass sie in der Vergangenheit regelmäßig zu optimistisch geplant haben — und trotzdem beim nächsten Mal wieder zu optimistisch planen.

Warum? Weil das Gehirn beim Planen primär in die Zukunft schaut, nicht in die Vergangenheit. Es konstruiert ein Best-Case-Szenario, ruhig und fokussiert, ohne Störungen, ohne die Ablenkungen, Unterbrechungen und unerwarteten Hindernisse, die dann tatsächlich auftauchen. Kognitionspsychologe Roger Buehler hat in seinen Studien gezeigt, dass der Optimismus-Bias in der Zeitplanung nahezu verschwindet, wenn Menschen explizit und aktiv dazu aufgefordert werden, ihre Vergangenheitserfahrungen mit ihrer aktuellen Planung zu verknüpfen. Das Problem ist nicht fehlendes Wissen — es ist fehlendes Abrufen.

Als Solopreneur kennst du dieses Muster. Du weißt, dass der Launch länger dauert. Du weißt, dass das Angebot drei Schleifen braucht statt einer. Du weißt das. Und du planst trotzdem, als wäre diesmal alles anders.


Der Optimist, der an Weihnachten stirbt

Jetzt wird es unbequem.

Admiral James Stockdale verbrachte siebeneinhalb Jahre als amerikanischer Kriegsgefangener in Nordvietnam — Folter, Isolationshaft, keine Gewissheit über seine Freilassung. Als der Autor Jim Collins ihn Jahre später fragte, wer von seinen Mitgefangenen das Lager nicht überlebt hatte, antwortete Stockdale ohne Zögern: „Die Optimisten.“

Die Optimisten waren die, die sagten: „Wir sind zu Weihnachten wieder zu Hause.“ Und als Weihnachten kam und ging, sagten sie: „Zu Ostern.“ Und dann Thanksgiving. Und dann wieder Weihnachten. Und irgendwann, zwischen einer gebrochenen Hoffnung und der nächsten, starben sie — an einem gebrochenen Herzen.

Viktor Frankl, Psychiater und Überlebender mehrerer Konzentrationslager, beschrieb dasselbe Phänomen. Die Sterblichkeitsrate im Lager stieg messbar in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr 1944 — weil so viele Gefangene geglaubt hatten, bis dahin befreit zu sein.

Das ist nicht das Argument gegen Optimismus. Es ist das Argument gegen naiven Optimismus — gegen die Verwechslung von Hoffnung mit Vorhersage, von Ziel mit Zeitplan.

Stockdale selbst hat überlebt, weil er beides gleichzeitig konnte: die brutalen Tatsachen seiner Situation ohne Beschönigung akzeptieren — und gleichzeitig die unerschütterliche Überzeugung behalten, dass er am Ende überleben würde. Jim Collins hat dieses Prinzip später das Stockdale-Paradox genannt: Behalte den Glauben, dass du am Ende siegen wirst. Und konfrontiere dich gleichzeitig mit den härtesten Fakten deiner aktuellen Realität.

Für einen Solopreneur klingt das weniger dramatisch, aber es ist dieselbe Struktur: Glaub daran, dass dein Angebot funktioniert — und schau dir gleichzeitig nüchtern an, warum der letzte Launch nicht so gelaufen ist wie geplant.


Pessimismus ist nicht die Antwort

Naheliegend, aber falsch wäre jetzt der Schluss: Dann sei eben realistischer. Sei pessimistischer. Geh vom Schlimmsten aus.

Die Psychologieforschung hat das durchgespielt. Der sogenannte Depressive Realismus — die Hypothese, dass depressive Menschen akkuratere Urteile fällen als nicht-depressive — ist zwar ein verführerisch elegantes Konzept, aber wissenschaftlich brüchig. Neuere Replikationsstudien finden keine konsistenten Belege dafür. Was man hingegen mit Sicherheit sagen kann: Depressive Menschen sind nicht realistischer — sie sind anders verzerrt. Ihr Pessimismus greift auch dann, wenn er nicht angemessen ist.

Es gibt eine nuanciertere Variante, den defensiven Pessimismus, den die Psychologin Julie Norem beschrieben hat. Defensive Pessimisten setzen bewusst niedrige Erwartungen, denken mögliche Misserfolge durch — und nutzen die entstehende Anspannung als Antrieb. Sie performen dabei genauso gut wie strategische Optimisten. Aber: Das funktioniert nur, wenn man sie in Ruhe lässt. Wer defensive Pessimisten ermutigt und ihre typische negative Vorbereitung unterbricht, verschlechtert ihre Leistung. Die Strategie ist real — aber sie ist an einen bestimmten Persönlichkeitstyp gebunden und fragil.

Was wirklich robust funktioniert, hat die Psychologin Gabriele Oettingen in Jahrzehnten Forschung herausgearbeitet. Ihr Ansatz heißt Mental Contrasting — oder in der praktischen Version: WOOP (Wish, Outcome, Obstacle, Plan). Der Kern ist simpel und gleichzeitig kontraintuitiv: Positives Denken allein sabotiert Zielerreichung, weil es das Gehirn in einen Zustand versetzt, der sich anfühlt, als wäre das Ziel bereits erreicht. Energie und Motivation sinken. Was hingegen funktioniert: Das gewünschte Ergebnis klar vor Augen haben — und dann explizit die Hindernisse imaginieren, die im Weg stehen. Diese Kombination aktiviert Handlung, wo reines Wunschdenken sie lähmt.

Oettingens Forschung ist gut belegt. Allerdings hat sie eine stille Voraussetzung, die kaum jemand ausspricht: Mental Contrasting funktioniert nur, wenn man in der Lage ist, klar zu denken.


Das eigentliche Problem: Was passiert, wenn der Druck zu groß wird

Hier ist die Lücke in der bisherigen Forschung.

Stockdale beschreibt, was zu tun ist. Oettingen beschreibt, wie man es vorbereiten sollte. Aber keiner von beiden beantwortet die entscheidende Frage: Was machst du, wenn der Körper bereits im Panikmodus ist?

Wenn du im Pitch sitzt und merkst, dass du die Kontrolle verlierst. Wenn der Investor eine Frage stellt, die dich unvorbereitet trifft. Wenn das Gespräch kippt, die Stimme flacher wird, der Gedankenfluss abbricht.

Was dann passiert, ist Biologie: Das Gehirn schüttet Stresshormone aus, die gezielt die Bereiche des frontalen Cortex herunterregeln, die für logisches, analytisches Denken zuständig sind. Der Körper wechselt in den Überlebensmodus — Flucht oder Kampf. Dieser Zustand kann bis zu 15 Minuten anhalten, wenn er nicht aktiv unterbrochen wird. In dieser Zeit ist kein echtes Mental Contrasting möglich. Kein Stockdale-Paradox. Keine Wahlfreiheit.

Das ist nicht Schwäche. Das ist Evolution.

Die Frage ist: Wie verschaffst du dir Zugang zu deinem Denken zurück, bevor die 15 Minuten um sind?


Die Antwort kommt aus einer unerwarteten Richtung: dem Schauspiel

Schauspieler haben dieses Problem professionell gelöst — und zwar lange bevor es Neurowissenschaft gab, die es erklärt.

Stella Adler und Michael Chekhov haben unabhängig voneinander Techniken entwickelt, die dasselbe Grundprinzip nutzen: Emotion und Handlungsfähigkeit lassen sich über den Körper abrufen. Nicht über Gedanken. Über Bewegung. Über verankerte physische Gesten, die einen bestimmten inneren Zustand zuverlässig auslösen — auch dann, wenn der Schauspieler gerade im 20. Take steckt, erschöpft ist, oder der Regisseur im Nacken sitzt.

Ich habe dieses Prinzip, zunächst für meine eigene Arbeit, dann im Coaching weiterentwickelt — und daraus das Emotionale Rückgrat entwickelt, das ich inzwischen in meiner Arbeit als Speaker Coach einsetze.


Das Emotionale Rückgrat: ein Bewegungsanker für strategischen Realismus

Die Grundidee ist nicht kompliziert. Aber sie ist konsequent körperlich — was sie von den meisten Selbstregulations-Tools unterscheidet.

Ein Emotionales Rückgrat ist ein Bewegungsanker: eine spezifische, zunächst große, dann auf ein Minimum verkleinerte körperliche Geste, die im wiederholten Training mit einem bestimmten inneren Zustand verknüpft wird. Nicht mit einem Gefühl des Wohlbefindens. Sondern mit dem Zugang zu Wahlfreiheit und logischem Denken — auch unter extremem Stress.

Der Mechanismus nutzt genau das, was unter Stress passiert: Das vegetative Nervensystem priorisiert Muskulatur. Ein gezielter Bewegungsimpuls spricht dieses System direkt an — und kann so die logische Leistungsreduktion, die der Stresszustand auslöst, verkürzen oder sogar verhindern.

Was das Emotionale Rückgrat von einem einfachen Atemübung unterscheidet: Es ist nicht reaktiv. Es wird im Vorfeld trainiert, für eine spezifische Situation oder Rolle. Eine Präsentation, eine schwierige Verhandlung, ein Pitch. Die Formulierung folgt einem Prinzip aus der Schauspielpraxis — eine „Um-zu“-Formulierung, die Handlung und Intention verbindet: Ich tue X, um Y sicherzustellen. Keine Wunschformulierung. Keine Affirmation. Eine Handlung mit einer Berechtigung.

Das Ergebnis ist keine Emotion auf Knopfdruck. Es ist Denkvermögen auf Knopfdruck.

Und genau das ist die Voraussetzung für alles andere: für Stockdales brutale Ehrlichkeit, für Oettingens Mental Contrasting, für den bewussten Wechsel zwischen Optimismus und strategischem Realismus, den ich für möglich halte — aber für trainierbar, nicht für selbstverständlich.


Was das für dich bedeutet

Zurück zum Anfang: Ich habe die Aufgabe wieder unterschätzt.

Das werde ich wahrscheinlich wieder tun. Der Optimismus-Bias ist nicht abschaltbar. Und ich bin auch nicht sicher, ob ich das wollen würde — er ist derselbe Mechanismus, der mich Dinge anfangen lässt, die ich vernünftigerweise vielleicht lassen sollte.

Aber ich kann trainieren, wie ich mit dem Moment umgehe, in dem die Realität den Plan einholt. Ob ich dann in den Panikmodus wechsle und reagiere — oder ob ich Zugang zu meinem Denken behalte und entscheide.

Das ist der eigentliche Unterschied zwischen einem optimistischen Gehirn, das sich selbst schadet, und einem optimistischen Gehirn, das funktioniert.

Und jetzt die Frage, die ich dir mitgebe:

In welcher Situation verlierst du gerade den Zugang zu deinem Denken — und was machst du in diesem Moment stattdessen?

Key Takeaways

  • Der Optimismus-Bias führt dazu, dass wir zukünftige positive Ereignisse überschätzen und negative unterschätzen.
  • Die Planning Fallacy beschreibt die Tendenz, den Zeitaufwand für Aufgaben zu unterschätzen, selbst wenn wir aus Erfahrung wissen, dass dies häufig nicht zutrifft.
  • Anstatt naiv optimistisch zu sein, sollten wir das Stockdale-Paradox anwenden: Akzeptiere die Realität und behalte den Glauben an den Erfolg.
  • Das Emotionale Rückgrat ist ein Bewegungsanker, der hilft, Zugang zu logischem Denken zu behalten, auch unter Stress.
  • Es ist wichtig, Strategien zu entwickeln, um den Einfluss des Optimismus-Bias zu managen und rational zu handeln.

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